Zoo-AG

Anmerkungen

Exkursionsbericht Tierpark Bochum

12. 2. 1997, 1. Exkursion 1997, 8 Teilnehmer

Vor dem Eingang zunächst eine negative Überraschung: In der Tierpark-Gaststätte kostet z.B. ein Salat 14.80- DM... Also geht´s ohne Essen hinein.

Der Anbau an das Aquarium, das "Fossilium", ist nicht etwa hinter das Aquarium gebaut worden, sondern steht an Stelle des Affen- und Vogelhauses! Lediglich die äußerste, rechte Ecke ist vom alten Gebäude geblieben, denn sie stützt den Felsaufbau der Pinguin-Anlage. Dieser gegenüber wurden die bestehenden Käfige um den Kugelkäfig ergänzt, der früher im Innenhof stand, hier leben nun die Kapuziner und Papageien; eine Anlage für die Weißbüschel-Äffchen soll noch hinzukommen.

bärenanlageAuf der anderen Seite des Aquariums wurde die Bärenanlage umgebaut. Nachdem die Pläne einer großzügigen Anlage am Bismarckturm gescheitert waren, mußte der alte Standort beibehalten werden. Der Graben wurde verfüllt, die nun aus Mauern und Panzerglas bestehende Umgrenzung ist soweit wie möglich vorgezogen, darüber spannt sich ein filigranes Drahtnetz. Die Anlage ist unzweifelhaft besser als zuvor: mehr als doppelt so groß (was aber nicht viel heißt), Füttern ist unterbunden, das Tier (z.Zt nur "Max") hat Badebecken und Naturboden; die ziemlich massiv wirkende Absperrung und die nicht sehr dezente Hintergrund-Bemalung als Gebirgslandschaft kann man auch noch übersehen. Diese pseudo-naturalistische Hintergrundgestaltung wurde fast bei allen neuen Anlagen verwendet, manchmal dezent, manchmal zu bildhaft und damit ablenkend und zu forciert wirkend. Und trotzdem: Der Standard moderner Bärenhaltung ist nur mühsam erreicht; in diesem Mini-Zoo überhaupt Bären zu halten ist zweifellos eine politische Entscheidung: "Bochum braucht Bären".

Beginn der Führung im Aquarium, zunächst durch den stellvertr./techn. Direktor Herr R. Slabik, der uns in die Katakomben hinter und unter das Aquarium führte. Zunächst gab es eine kleine Einführung in Aquarientechnik: Entkeimung durch UV oder Ozon, Meß- und Regeltechnik und Lichteinsatz. Verwendet werden Tageslicht-Fluter, die für Sportplätze entwickelt wurden und die Aquarienhaltung einen großen Schritt nach vorne gebracht haben. Z.Zt wird daran gearbeitet, die Strahler auch zu dimmen; aber für diese Aquarientechnik gibt es keinen Markt, man muß suchen, ob für andere Zwecke etwas entwickelt wurde. Bei der Klimatechnik für Terrarien muß auch noch viel gelernt werden. So wurde eine Diplomarbeit durchgeführt mit der aggressiven These "das funktioniert doch alles nicht" - und bestätigt: Trotz Wasserfall war die Luftfeuchte z.B. nicht über 20% zu bekommen. Die Ergebnisse wurden bereits umgesetzt, auch beim Neubau, und jetzt sind auch 80% zu erreichen, wenn es gewünscht ist.

Im Vorraum des Technikkellers steht ein lichtdurchflutetes, fischfreies Becken, das als ReHa-Station für Korallen und Anemonen dient: Gerade empfindliche Arten vertragen die Exkremente der Fische trotz aller Filtertechnik nicht. Mittlerweile werden sowohl Korallen (die im Aquarium oft besser wachsen, da sie mehr Carbonat finden) als auch eine Handvoll Korallenfische gezüchtet, letztere aber mit riesigem Aufwand, verschiedenen Futtertierzuchten für die Wachstumsstadien usw. Zudem ist eine Menge Alchemie dabei, oft bleibt völlig unklar, warum in einer Anlage die Tiere gedeihen und in einer völlig identischen dahinsiechen.

In einem Nebenraum steht die Kühlanlage, mit der über Wärmeaustauscher-Schlangen Beckenwasser durch Leitungswasser heruntergekühlt wird. Früher wurden Edelstahl-Rohre verwendet, die waren aber nicht seewasserfest genug, jetzt wird trotz der geringeren Wärmeleitung und der Bruchgefahr Glas verwendet.

Ein eigener Raum enthält die Vorklärer, die das ankommende Stadtwasser von (Rohrbruch-)Schmutz befreit; die Filter sind mit Druckmessern ausgestattet und reinigen sich bei Bedarf selbst. Die neueste Technik in Sachen Filterung steht zwischen Reihen von Ton-Rieselfiltern (auf Kunst-Rieselkörpern, wie sie z.B. die Klärwerke verwenden, wachsen die Bakterienkulturen einfach nicht...): Ein Rotations-Eiweißabschäumer der TFH Bochum. Die eingeblasenen, feinen Luftbläschen werden zuerst in einen Wirbel verquirlt, der Wasserstrom an einer Zwischenplatte beruhigt und dann durch ein System ineinandergesteckter Plexiglas-Tuben geleitet, bis sich der entstandene Eiweißschaum in einem Überlaufgefäß sammelt, von wo er regelmäßig abgespült wird. Diese Technik ist wesentlich effektiver und entfernt durch die besonders kleinen Bläschen auch feinst gelöstes Eiweiß. Eine größere Anlage läuft bereits in einem Nebenkeller für das Korallenbecken, eine weitere wird gerade gebaut, um das geplante Steinkorallenbecken zu reinigen. In Entwicklung ist ein System, das auch die größere Oberflächenspannung von Süßwasser austrickst, damit diese Methode - die einzige, bei der die Schmutzstoffe direkt entfernt und nicht zwischengespeichert, umgewandelt oder abgebaut werden - auch im Süßwasserbereich eingesetzt werden kann.

Eine geheimnisvolle Aura umschwebt zwei orangene Patronen, die das Forschungszentrum Jülich hier testet und die es irgendwie schaffen, Phosphat aus den Wasser zu ziehen - wie, weiß niemand und wird es auch nicht erfahren, bis das Patent erteilt ist.

Die Speichertanks sind groß genug, um notfalls einen Komplett-Wasseraustausch eines Korallenbeckens durchzuführen; erstaunlicherweise sind viele der Arten sehr hart bei plötzlichen Milieu-Veränderungen: Fast alle Fische und viele Weichtiere hatten den bisher einzigen großen Zwischenfall überlebt, bei dem durch einen gebrochenen Austauscher(?) das Wasser fast völlig ausgesüßt wurde und die Temperatur auf 12°C sank!

Ein Blick auf Mischbatterien und Aktivkohlefilter (und den bunten Alarmplan "Tier frei"...) beendeten den Kelleraufenthalt.

In der Quarantäne- und Auffang-Station übernahm die Biologin des Tierparks die Führung. Nach einem kurzen Statement über die völlig unzureichende Uni-Ausbildung bei "echten Tieren" (Fazit: Jeder, der in einem Zoo arbeiten will, sollte in möglichst viele hineinschnuppern und Volontär-Praktika machen), und dem Hinweis, daß gerade die Vielfalt an Tätigkeiten und die nicht so starke Spezialisierung der Mitarbeiter in den kleineren Zoos ein besonderer Reiz bei ihrer Arbeit sei - wurden uns eine Reihe von Tieren gezeigt, die von Privathaltern abgegeben, von Zoo und Veterinäramt beschlagnahmt oder hier provisorisch untergebracht wurden (Krankheit, Nachzuchten und wegen des Umbaus): Unken, Laubfrösche, Indigoschlangen, Taggeckos und verschiedenste Leguanarten. In diesem Raum steht auch eine Planktonzucht, eine ziemlich heikle Angelegenheit.

Die Lißtäffchen mit Jungtier, stammend aus Bielefeld, was wir schon am Schlafkästchen gesehen hatten, werden bald in den Anbau umziehen, ebenso die Kaimane, z.Zt. versuchsweise mit einem Haufen Schmuckschildkröten vergesellschaftet. Die Grünen Leguane (1,5) bilden eine stabile Gruppe und sollen ebenfalls in eine größere Anlage umziehen. Im hinteren Teil sind die züchtenden Indigo-Schlangen untergebracht. Daneben das Schmuddelkind der Abteilung: das triste Piranhabeken voller Schmieralgen - auch sie werden umziehen (die Piranhas).

Bevor die rein biologischen Informationen (Malawisee, Wüstenechsen) überhand nahmen, lenkten wir das Thema wieder auf Haltungsfragen und das Problem, wie das ganze Wissen, das sich in Zoos anreichert, ausgetauscht werden kann - und landeten bei der Beschreibung des Quantum-Verzeichnisses...

In den großen Wüstenterrarien wird mit einem Zweitbesatz an Vögeln experimentiert, z.B. Wellensittichen und Astrilden. Die Buntwarane haben die Verkleinerung ihres Terrariums (für die Unterbringung von Regenbogenfischen und einer Kragenechse(!)) mit der Installation von Nebeldüsen vergolten bekommen. Der Bodengrund besteht aus Mulch bzw. Kokosbast, beide schimmeln nicht, ein wichtiges Kriterium bei der Vorbeugung von Aspergillose.

fossiliumIm Neubau, dem Fossilium, bekamen wir zunächst die Geschichte zu hören, wie ein Fossiliensammler der Sparkasse seine riesige Sammlung schenkte, wie die eine Unterbringung suchte, im Tierpark fand und so für 4 Mill. DM das Fossilium erbaut wurde. Die Idee, den Versteinerungen stets lebende Gegenstücke entgegenzustellen, läßt sich zwar nicht immer realisieren (wenn man statt einer Muschel- und Knorpelfisch-Aquarien-Phalanx lieber eine Tropenhalle mit Äffchen plant), aber die Versteinerungen sind schon klasse.

Wir bestaunten zunächst das Modell der Kaiman-Anlage (verwinkelte Anlage mit U-Fenster und Landteil mit Naturboden), dann die Baustelle der Tropenhalle. Noch ist der Aufbau der Kunstlandschaft in vollem Gange: Auf dem Boden türmen sich Kunststoff-Wannen, die dermaleinst riesige Pflanzgruppen aufnehmen sollen (Riesen-Schwertpflanzen und mehr im Wert von 5000.- DM sind bestellt, weitere 5000.- DM für Wasserpflanzen ausgegeben). Ein Wasserfall, gespeist aus dem Wasserbecken (Arowanas u.a.) soll durch die Pflanzbeete geleitet werden und eine rein biologische Filterung ermöglichen - ein Experiment. Lediglich entkeimt wird das Wasser werden. Die Kunstfelsen werden aus Styropor zusammengeklebt, dann liebevoll mit Elektrofuchsschwanz geschnitzt und anschließend versiegelt - mit irgendeiner giftigen Substanz, die sich für den Handwerker scheinbar recht unangenehm auswirkt, wenn er sich versehentlich in der Anlage einschließt (dem Panikgrad des Fensterpochens nach zu urteilen...). Der zentrale Stahlträger mit den Laufgängen, offensichtlich zur Bedienung der Lampentechnik nachträglich eingebaut, wird noch verkleidet werden.

Um die nächste Ecke entsteht das Korallenriff: ein 150.000l-Becken für die Haie und Riff-Fische; dicht ist es schon, aber noch ein kahles, blaues Becken. Experimentiert wird mit einer neuartigen Wellenanlage: statt energiefressender Wasserschaukler gibt es nun eine Entwicklung, die mit zwei kleinen, sich gegeneinander verdrehenden Armen das Wasser im ganzen Becken in Bewegung bringt - die Tests waren beeindruckend. Gerade für Korallenbecken, die gut durchströmt sein müssen, eröffnet dies völlig neue Möglichkeiten.

Die kleineren Becken sind speziellen Themen gewidmet. In einer Nische steht ein Aquarium für die störungsempfindlicheren Tiere: Pfeilschwanzkrebse (vergraben und genausowenig zu sehen wie die Scholle), Seepferdchen und ein Prachtexemplar von Fledermausfisch. Ein weiteres Becken ist als Muschelaquarium vorgesehen, bislang gibt es aber noch Probleme mit der Glasrosen-Pest: die Biester wachsen bei der muschel-nötigen Plankton-Fütterung leider noch schneller und überwuchern alles. Und die Fische, die sie fressen sollen, mögen auch Muscheltentakel...

Auf dem früheren Pflanzrondell vor dem Korallenbecken steht nun ein Nautilus-Turm mit Bullaugen-Fenstern. 1 altes und 5 jüngere Tiere leben hier, nach der Umstellung auf nächtliche Beleuchtung sind die Tiere tagsüber unten (und damit sichtbar) und nachts an der Wasseroberfläche. Die Haltung ist noch immer schwierig, die Rekorde liegen bei 3 1/2 Jahren "Ausdauern". Übrigens: Männchen haben 60 Arme, Weibchen 40....

Im Korallenbecken wächst der Hai doch etwas schneller als geplant; die Schnauze ist schon angestoßen. Der Schiffshalter (Extra-Schild: "Kein Hai-Baby!") ist nur eine von vielen zusätzlichen Fischarten, dafür sind die Wirbellosen stark reduziert. Plastikrohre sind zur Strömungssimulation gedacht - Erfolg: Zu große Strömung - Hai schwimmt schneller - Hai hungriger - übrige Fische verstecken sich oder werden angeknabbert. An der Wand gegenüber wird ein Meßgeräte-Kasten installiert, an dem auch die Besucher künftig die Wasser-Parameter überwachen können.

seehundbeckenDen weiteren Rundgang machten wir auf eigene Faust, und so klein der Zoo auch ist, so viel hat sich hier doch in den letzten 5 Jahren getan: Die Limikolen-Sammlung ist fast verschwunden, etliche neue Netzdach-Volieren, die ältere kleine Anlagen ersetzt, sind nun mit heimischen Vögeln besetzt. Im zweiten Zooteil fällt sofort die umgebaute Robbenanlage ins Auge: Sandstrand, zwei Holzhäuschen, die die neue Filteranlage flankieren, Steg, und als Dünenlandschaft bemalte Rückwand. Jetzt sollte man noch den dahinterstehenden Bismarck-Turm rot-weiß-geringelt streichen, dann wäre die Illusion perfekt...

Großes Lob für die vielen Informationstafeln: Die Robbenanlage wird ausführlichst erklärt, vom Konzept über die Technik bis zu den Haltungsbedingungen. Auch Biologie +, Bedrohung der Tiere wird behandelt. Leider manchmal etwas zu viel des guten, zu viel Text, zu kleine Schrift - auf einer Tagung gerade noch erträglich, den Zoobesucher überfordert es total. Schön dann wieder der aktuelle Zeitungsartikel am Tigergehege, daß das letzte Tier eingeschläfert werden mußte. Hier leben nun auch die Leoparden. An deren Gehege wurde ein Innenhaus angebaut, das vorerst von den heimatlos gewordenen Gibbons bewohnt wird (vor Felswüsten-Kulisse...).

Weniger erfreulich ist die Braunbären-Handaufzucht "Nadja" im früheren Wolfsgehege, mit Elektrodraht umstellt, die sich offensichtlich an dem verregneten Tag furchtbar langweilte und später mit zu "Max" soll.

Am Geierturm hängen einige wieder mal sehr ausführliche Informationstafeln, die mit netten Bildern die völlige Verwertung eines Kadavers erklären. Die letzte Überraschung des Tages: Alle ehemaligen Kleinräuberkäfige wurden zusammengefaßt, mit Strohballen vollgerümpelt und mit Karnickeln und Meerschweinen besetzt - eines der besten Gehege für diese Tiere, auch im Winter zu sehen, geräumig, abwechslungsreich und kinderstreichelquälsicher.

Der Tierpark in Bochum hat sich innerhalb eines Jahrzehnts vom etwas heruntergekommenen Mini-Zoo mit baufälligen Häusern, kleinen Käfigen und einem halbherzig durchgeführten 70er-Jahre-Ausbauplan zu einem wahren Zoo-Kleinod gemausert, was aber keineswegs heißt, daß es nichts mehr zu verbessern oder zu kritisieren gäbe. Vielleicht ist es wahr, auch ein kleiner Zoo braucht Raubkatzen, Affen, Bären - aber müssen es die großen Arten sein?

© Fotos & Text: Dirk Petzold 1997


Erstellt und zuletzt geändert am 10.3.1997 - Zoo-AG Homepage logoeule